Gute Schule für alle

Hamburg braucht ein inklusives Schulwesen

Hamburg braucht ein inklusives Schulwesen
Zur PDF-Ansicht Bild anklicken

Vorwort

Liebe Hamburgerinnen und Hamburger,
im Jahre 2010, nach dem Volksentscheid gegen die Primarschule, haben SPD, CDU und Grüne einen so genannten Schulfrieden geschlossen. Sinn und Zweck sollte sein, dass die erbitterten Auseinandersetzungen über Strukturen des Hamburger Bildungssystems erst einmal unterbleiben sollten; die Schulen sollten nach unglaublich vielen Änderungen erst einmal »zur Ruhe« kommen.
Zugegeben, Eltern, Kinder und Lehrkräfte haben in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten viel verkraften müssen.

Die reformierte Oberstufe wurde eingeführt, dann wurde sie abgelöst durch die finanziell günstigere Profi loberstufe, für die Gymnasien wurde das Abitur nach zwölf Jahren eingeführt, die Gesamtschulen, Haupt- und Realschulen wurden abgeschafft und die Stadtteilschule mit dem Zweisäulenmodell eingeführt, das Recht von behinderten Kindern auf den Besuch einer Regelschule wurde ins Schulgesetz geschrieben, viele Schulen wurden zu »Ganztagsschulen«, der Schulbau wurde aus der Schulbehörde ausgelagert und, und, und …

Aber die Schulen sind nicht »zur Ruhe« gekommen. Ausgerechnet die Parteien, die ständig vom Schulfrieden reden, haben seither dafür gesorgt, dass Eltern, Kinder, Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher und Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen mit immer neuen Aufgaben fertig werden mussten. Besonders problematisch ist die Umsetzung der Inklusion. Von der individuellen Ressource wurde übergegangen zur systemischen; die ist billiger, zu billig, um den Beteiligten gerecht werden zu können. Der ausgeweitete Ganztagsschulbetrieb ermöglicht zwar, dass Kinder und Jugendliche von 8.00 Uhr bis 16.00 Uhr gebührenfrei Bildung und Betreuung erfahren, aber das mit erheblichen Qualitätsminderungen im Vergleich zur vorherigen Hortausstattung.

Die Beratung der Eltern und Kinder wurde per Schulgesetzänderung verschlechtert, das Recht auf Halbtagsschule wurde ins Gesetz geschrieben, die Vorgabe, dass Schülerinnen und Schüler nach der 7. Klasse nicht mehr vom Gymnasium abgeschult werden dürfen, wurde umgangen und ab Klasse 10 wieder rückgängig gemacht – ca. ein Fünftel eines Jahrgangs wird von der 5. bis zur 10. Klasse auf die Stadtteilschulen geschickt. Jetzt soll sogar im Schulgesetz der Umfang der Hausaufgaben geregelt werden, und eine Initiative will erreichen, dass die Gymnasien entscheiden können, ob sie zurück zu G 9 wollen oder nicht oder ob sie beide Möglichkeiten anbieten wollen.

DIE LINKE betrachtet diese Entwicklungen mit Sorge, weil das Wichtigste, wofür sich die Politik einsetzen sollte, nämlich Bildungsgerechtigkeit herzustellen, immer stärker ausgeblendet wird.
Das Hamburger Schulsystem verfestigt nicht nur die sozialen Unterschiede in der Schülerschaft, es verstärkt sie sogar noch. Das ist inakzeptabel und hat mit Bildungspolitik nicht das Geringste zu tun. In Hamburg fehlt es nicht nur an Mitteln, an langfristigen Konzepten und an Personal. Es fehlt an der Zielvorstellung: Welche Aufgaben muss ein Bildungssystem erfüllen?

Diese Frage geht uns alle an, unabhängig vom Alter, vom Beruf, von der Nationalität oder der sozialen Herkunft.

Ich freue mich, dass wir den ehemaligen GEW-Vorsitzenden Klaus Bullan als Autor der vorliegenden Broschüre gewinnen konnten. Auf dieser Grundlage wollen wir in der Stadt mit den Hamburgerinnen und Hamburgern diskutieren. Es wäre schön, wenn auch Sie dabei wären.

Mit freundlichen Grüßen
Dora Heyenn
Fraktionsvorsitzende der LINKEN in der Hamburgischen Bürgerschaft,
Fachsprecherin für Schule, Wissenschaft, Umwelt