11. November 2010

Kinder- und Jugendgesundheit in Hamburg und die Aufgaben des Schul(zahn)ärztlichen Dienstes

Herr Präsident, sehr geehrte Herren und Damen,

Vor kurzem, am 21. Oktober 2010, fand die erste Gesundheitsziel-Konferenz in Hamburg unter dem Thema „Gesund aufwachsen in Hamburg“ statt. Sie entspricht der Strategie des „Paktes für Prävention“ vom Juni diesen Jahres. Erfreulicherweise war zu hören, dass die meisten kleinen Hamburger und Hamburgerinnen gesund aufwachsen. Und: offensichtlich haben die heftigen Proteste aus der Bevölkerung dazu geführt, dass größere Leistungskürzungen im Gesundheits-und Sozialbereich ausgeblieben sind.

Aber, und das ist die zweite, weit problematischere Aussage der Konferenz: etwa 25 Prozent der Kinder wachsen in Hamburg nicht in bester Gesundheit auf. 22 Prozent zeigen sogar mehrere Symptome gleichzeitig auf – von motorischen und psychischen Störungen bis hin zur kariösen Zähnen! Wenn es bei jedem vierten Kind in Hamburg gesundheitliche Probleme gibt, dann müssten doch bei allen verantwortlichen Politikern die Alarmglocken läuten!

Ich verweise an dieser Stelle auf die aktuelle Krankenhausplanung und die dringend erforderliche Erweiterung von Kapazitäten für psychisch Kranke und die Sonderzulassung von 60 Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen und -therapeuten.

Wenn dann auch noch die Aussage gemacht wird, dass Familien mit niederem Sozialstatus (auch in Hamburg) weniger Gesundheitschancen haben, dann müsste ein großes Nachdenken des Senats darüber stattfinden, wie dieser Entwicklung gegen gesteuert werden kann. Stichwort einer Konferenz-Teilnehmerin: Man muss bei der Wohnungs- und Existenzsicherung beginnen. Der soziale Status ist ausschlaggebend für die Gesundheit, sehr geehrte Herren und Damen.

Doch welche Botschaften erreichen die Öffentlichkeit im Zuge der Haushaltsplanung und -diskussion? Wegkürzen bei den Schwächsten der Gesellschaft! Besonders perfide ist das im kleinen Kürzen im sozial-gesundheitspolitischen Bereich. Nach dem Motto: Dann fällt es nicht so auf. Aber die Wirkungen sind um so heftiger.

Als Beispiel soll die Kürzung beim Schulzahnärztlichen Dienst stehen. Für  Herrn Senator Wersich möglicherweise ein läppischer Betrag von noch nicht einmal 400.000 Euro. Welche Wirkung auch nur eine einzige unbesetzte Schulzahnärztinnenstelle hat, lässt sich anschaulich anhand des Gesundheitsberichts des Bezirkes Bergedorf darstellen: Dort konnten im Jahr 2005 20 Prozent der schulpflichtig gemeldeten Kinder nicht schulzahnärztlich untersucht werden. Durch die Nachbesetzung einer freien Schularztstelle erreichte die Untersuchungsquote ein Jahr später 99,6 Prozent! Ein weiterer Bericht, aus Altona, weist für die 1. Klassen des Schuljahres 2005/2006 unglaubliche 34 Prozent des Zahnstatus als behandlungsbedürftig aus.  Was wäre diesen Kindern geholfen gewesen, wenn es ausreichend Personal gegeben hätte!

Herr Senator Wersich erhielt zur Kürzung des Schulzahnärztlichen Dienstes einen vom Vorsitzenden der Zahnärztekammer und dem Stellvertreter der Landesarbeitsgemeinschaft der Jugendzahnpflege unterschriebenen Brief, der ihn sehr eindringlich auf die Folgen durch Kürzungen in diesem Bereich hinweist. Das ist mehr als nur ein Protest. Darauf hat ebenfalls die zuständige Schulzahnärztin in einem Brief aufmerksam gemacht. Die Problemlage ist also mehr als bekannt!


Wir, DIE LINKE, erwarten entsprechende Konsequenzen: Zu Lasten der Kinder-Zahn-Gesundheit darf der Haushalt nicht saniert werden!

Das ist auch kurzsichtig – wenn Sie sich mal über die Folgekosten für das Gesundheitssystem Gedanken machen oder wenn Sie sich der Bedeutung bewusst werden, die gesunde Zähne auf den gesamten Organismus eines Menschen haben.

Sehr geehrter Herren und Damen,

Der Öffentliche Gesundheitsdienst nimmt, wie wir in unserem Antrag dargestellt haben, allgemein bevölkerungsmedizinische und sozialkompensatorische Aufgaben wahr. Aus diesem Grunde sind Schulärztliche Aufgaben nicht auf den niedergelassenen Bereich abzuschieben. Der Schulärztliche Dienst ist ein aufsuchender Dienst und nur er führt Reihenuntersuchungen durch.

„Wie gesund wachsen Kinder in Hamburg auf?“ war ein beeindruckender Vortrag auf der von mir eingangs erwähnten Gesundheitskonferenz. Wenn man aber mehrere Berichte dazu sichten muss, um Material und Daten zusammenzutragen, wie eine Referentin bemerkte, dann ist das kritisch zu sehen.

Warum?

Seit 2001 gibt es das „Gesetz über den Öffentlichen Gesundheitsdienst in Hamburg“. Dieses Gesetz schreibt die Notwendigkeit einer regelmäßigen Gesundheitsberichterstattung fest. Gesundheitsberichte sind deshalb notwendig, weil sie konkrete Aussagen für die sich darauf beziehende Gesundheitsplanung geben. Doch in Hamburg sucht man vergeblich eine einheitliche Daten-, Indikatorenbasis für die Gesundheitsberichte, noch findet man eine auf diesen Grundlagen basierende Gesundheitsplanung. Ebenso vergeblich sucht man eine einheitliche Terminleiste.

Eine völlig unhaltbare Situation aus unserer Sicht, die allerdings der Symbolpolitik des Senats entspricht. Dabei muss man aber wissen, dass noch in den neunziger Jahren die Bundesländer auf Hamburg mit dem Gesunde-Städte-Netzwerk der WHO z.B. hinauf geblickt haben. Heute muss Hamburg einen Referenten aus Sachsen einladen, der berichtet, wie Hamburg anhand von guten Beispielen lernen kann.

Besonders würdigen möchte ich an dieser Stelle die Arbeit der Bezirke. Sie bemühen sich, ihren Berichtspflichten nachzukommen. Aber selbst die Bezirke, fordern „eine bessere Datenkonzeption und -erfassung“ sowie eine „einheitliche und vergleichbare Datenbasis mit gesundheitsrelevanten Merkmalen“ (Altonaer Bericht)
In diesem Bemühen werden sie, die Bezirke, offensichtlich allein gelassen. Was passiert mit den kritischen Hinweisen und Handlungsempfehlungen? Der Senat scheint sich nur sehr unzureichend zu bemühen, den Bezirken zu helfen, einheitliche Standards für Gesundheitsberichte und Zielplanungen festzulegen und als Stadtstaat einen eigenen Gesamtbericht zur Gesundheitsentwicklung von Kindern, Jugendlichen und differenziert nach Geschlecht und Migrationshintergrund sowie sozialen Indikatoren vorzulegen. Auf Gesundheitsdaten von Krankenkassen, Krankenhäusern kann hingegen für eine kommunale Gesundheitsberichterstattung problemlos verzichtet werden.

Sehr geehrte Herren und Damen,

Wenn wir in Punkt 2 unseres Antrages den Settingansatz fordern, dann können Sie die ausführliche Begründung ebenfalls aus den Berichten der Bezirke herauslesen. Auf ein Problem möchte ich jedoch konkret verweisen. Es ist bekannte Tatsache, dass mit zunehmendem Alter der Kinder die Früherkennungsuntersuchungen, insbesondere die U8 und U9, weniger wahrgenommen werden. Und das angesichts des bevorstehenden Schuleintritts. Dabei ist das rechtzeitige Reagieren auf Entwicklungsauffälligkeiten von besonderer Bedeutung. Wir sehen diese Entwicklung mit Sorge. Die Lösung liegt nur zum Teil darin, dass verbindliche Einladungen nach Hause verschickt werden. Der bessere Schutz für Kinder vor vermeidbaren Erkrankungen liegt darin, den Öffentlichen Gesundheitsdienst zu stärken!

Abschließend eine Bemerkung zur Stellenbesetzung im Öffentlichen Gesundheitsdienst, Punkt 3 unseres Antrags. Ich beziehe mich hierbei auf die Kleine Anfrage aus der letzten Wahlperiode mit der Drucksachennummer 18/7907. Daraus geht hervor, dass elf Ärzte- und Ärztinnenstellen nicht besetzt und weitere 25 Personalstellen offen waren. Nun denken Sie mal nach, woran das liegen könnte. Das Gesundheitspersonal im Öffentlichen Dienst ist hoffnungslos unterbezahlt. Der Arbeitsbereich ist schlicht unattraktiv. Wenn es Honorarerhöhungen für freiberufliche Ärztinnen und Ärzte gibt, können die MedizinerInnen im ÖGB nur weinend zusehen.

Sehr geehrte Herren und Damen,

Kinder haben ein Recht, gesund aufzuwachsen. Eine unverzichtbare Säule dafür ist der Öffentliche Gesundheitsdienst mit seinen Einrichtungen. Am Schulärztlichen und Schulzahnärztlichen Dienst darf deswegen in keiner Weise gespart werden.

Ich bitte Sie, unserem Antrag zuzustimmen.