28. August 2011

HSH Nordbank: erneuter Umbau

Die problembeladene HSH Nordbank muss unter dem Druck der EU-Kommission massive Veränderungen am Geschäftsmodell vornehmen. Die Bank hatte sich im internationalen Geldkasino »verzockt« und wurde mit einem Kapitaleinschuss der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein von drei Mrd. Euro sowie einem Garantieschirm von 10 Mrd. Euro vor der Insolvenz bewahrt. Die EU-Kommission musste diese Rettungsaktion überprüfen. Im Unterschied etwa zur West LB wurde die HSH Nordbank nicht zur Auflösung gezwungen, sondern kann mit einigen erheblichen Auflagen ihre Geschäftsaktivitäten fortführen. Drei Hauptpunkte kritisierte die EU-Kommission:
1.    Der Aktienpreis wurde bei der Umsetzung der Kapitalerhöhung zu hoch angesetzt.
2.    Auch die Vergütung für die Bereitstellung des Garantieschirms stellte eine verdeckte Begünstigung der Bank dar.
3.    Die Bank habe sich zu sehr in risikoreichen Geschäften auf Dollarbasis engagiert.
Die Auflagen aus Brüssel hätten auch auf einen Verkauf des Finanzinstitutes oder – weil dies gegenwärtig kaum aussichtsreich ist –auf eine Zerschlagung hinauslaufen können. Die Genehmigung zur Fortführung signalisiert einen Kurswechsel der EU-Kommission im immer noch nicht beendeten Restrukturierungsprozess der bundesdeutschen Landesbanken. Vor allem die Eigentümer – sprich die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein – sehen diese Entwicklung positiv, weil ein Verkauf oder eine Zerschlagung mit Sicherheit mit erheblichen Vermögensverlusten verbunden gewesen wäre.

Die Bank selbst sieht diese Freigabe für eine Fortsetzung des Geschäftes weniger als überraschende Chance. Schon in den letzten Quartalen wurde kritisch auf die Gebühren für die staatlichen Garantien verwiesen, weil dadurch die positiven Geschäftsentwicklung belastet worden sei. Die Klage des Managements: hohe Gebühren für die Staatsgarantien lasteten auf der Bilanz: In den ersten sechs Monaten musste die Landesbank 211 Mio. Euro (Vorjahr: 303 Mio. Euro) dafür zahlen. Die Kosten sollen durch die Rückgabe einer weiteren Garantie-Milliarde im zweiten Halbjahr weiter sinken.

Die Begeisterung für die weiteren Auflagen hält sich in engen Grenzen. Tenor des Managements: Die HSH Nordbank verabschiedet sich auf Druck der EU von ihren einst hochfliegenden Expansionsplänen und streicht ein Drittel der Arbeitsplätze. Künftig werde sich die Landesbank für Hamburg und Schleswig-Holstein auf das Geschäft mit mittelständischen Kunden in Norddeutschland konzentrieren.

Unbestritten: Die Auflagen sind massiv: Die von der EU-Kommission geforderten Zusagen haben massive Auswirkungen auf das Geschäft der Bank. Die sechs Mrd. Euro schwere Flugzeugfinanzierung und das internationale Immobiliengeschäft sollen aufgegeben, die Standorte in Amsterdam, Paris und Shanghai geschlossen werden. Das Geschäft mit Schiffsfinanzierungen, in dem die HSH eine weltweit führende Rolle hat, soll gestutzt werden. Ferner darf die HSH in ihrem Kerngeschäft auf Geheiß der EU auf absehbare Zeit nicht nennenswert wachsen. Das Wichtigste jedoch: Der Übergang auf ein Geschäftsmodell »Regionalbank« mit Schwerpunkt auf den Mittelstand will erst geschafft sein.

Die HSH Nordbank hat parallel zur Präsentation der Auflagen der EU-Kommission ihre aktuellsten Zahlen zum 2. Quartal 2011 veröffentlicht. Die Kernbotschaften  lauten:
•    Weiterentwicklung des Geschäftsmodells beschlossen;
•    Umsetzung der EU-Vorgaben eingeleitet;
•    Erfüllung der EU-Vorgaben erfordert weiteren Stellenabbau auf 2.120 Mitarbeiter bis 2014;
•    Konzernergebnis im 1. Halbjahr deutlich gesteigert,
•    Fehlbetrag im Gesamtjahr wegen ergebniswirksamer Einmalzahlung an Garantiegeber erwartet,
•    Garantiegeber bringen Einmalzahlung im Gegenzug als Kapitalerhöhung in die Bank ein.
Für das Geschäftsmodell, mit dem sich die Bank neu aufstellen will, hat die Bank ein Programm entwickelt. Es soll bis 2014 abgeschlossen sein und heißt »Offensive: Zukunft«. Damit will sie sich »transformieren« in eine »Bank für Unternehmer«.

Der Aufsichtsrat der Bank hat, vorbehaltlich der formellen Entscheidung der EU-Kommission, folgende Eckpunkte verabschiedet:
•    Die Bilanzsumme der Kernbank wird bis Ende 2014 auf 82 Mrd. Euro begrenzt.
•    Die Bilanzsumme der Restructuring Unit, der »Bad Bad« also, die alle Portfolien und Aktivitäten enthält, die nicht mehr zum Kerngeschäft gehören, wird bis End 2014 auf 38 Mrd. Euro abgebaut.
•    Die objektbezogene Flugzeugfinanzierung wird aufgegeben.
•    Die internationale Immobilienfinanzierung wird nicht weiter fortgeführt.
•    Das Segmentvermögen im Bereich Shipping der Kernbank wird bis Ende 2014 auf rund 15 Mrd. Euro reduziert
•    Über die bereits bekannten Standorte hinaus wird die Bank ihre Standorte in Amsterdam, Paris und Shanghai schließen und sich von weiteren nicht-strategischen Beteiligungen trennen.

Der Gesamtertrag der Bank zum Ende des 1. Halbjahres 2011 reduzierte sich von 977 Mio. Euro (31.06.2010) auf 795 Mio. Euro. Trotzdem weist die Bank einen Überschuss aus – nach einem Verlustausweis im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Wie kommt dieser Überschuss bei etwa gleichbleibender Kostenstruktur zustande?

Die Antwort ist einfach: Sie hat laut Halbjahresbericht  804 Mio. Euro an in Vorperioden gebildeten Risikovorsorgepositionen ertragswirksam augegelöst, d.h. sie hat in großem Stil die Risikovorsorge für faule Kredite zurückgenommen. Würde das Ergebnis um diese Rückbuchungen bereinigt, hätte ein deutlich höherer Verlust als im Vorjahreszeitraum ausgewiesen werden müssen (minus 468 Mio. Euro). Das rauhe Fahrwasser ist also noch keineswegs verlassen und – wie die aktuelle Börsenentwicklung demonstriert – die Bereinigung von belasteten Wertpapieren und Kreditgeschäften noch nicht beendet.

Die Chancen der »neuen HSH Nordbank«

Die HSH Nordbank sieht ihr neues Geschäftsmodell wie folgt: »Kern des neuen Konzepts ist der Umbau der HSH Nordbank zu einer fokussierten, vertriebsstarken und mittelständisch strukturierten ›Bank für Unternehmer‹. Die HSH Nordbank wird sich künftig aus der Region heraus auf ihre Rolle als Partner für Unternehmen und Unternehmer konzentrieren; das schließt auch ihre internationalen Spezialkompetenzen in den Bereichen Shipping sowie Energy & Infrastructure ein. Zusammen mit den regional fokussierten Bereichen Firmenkunden, Immobilienkunden, Private Banking und Sparkassen bilden diese Aktivitäten künftig die Kernbank, die ›Neue HSH Nordbank‹. Die objektbezogene Flugzeugfinanzierung und die internationale Immobilienfinanzierung werden dagegen aufgegeben.«

Dieser Ansatz ist zweifelsohne der richtige Weg. Einige gewichtige Probleme sind allerdings nach wie vor ungelöst:
•    »Aktivitäten« bedeuten immer auch Neugeschäft. Neugeschäfte generieren zusätzliche Erlöse, die zur Gesundung dringend benötigt werden. Die Bank darf jedoch nach den mit der EU-Kommission getroffenen Vereinbarungen »in ihren Kerngeschäftsfeldern nicht nennenswert wachsen«.
•    Aus diesem Kreislauf könnte sie sich nur befreien, wenn Altbestände zumindest zu Buchwerten verkauft werden könnten. Dem steht jedoch die überaus schlechte Kreditqualität des Bestandes gegenüber. Der Halbjahresbericht weist hierzu aus, dass weniger als 25 % (28,5 Mrd. Euro) des Gesamtbestandes an Forderungen, die weder wertgemindert noch überfällig sind, mit einem AAA bzw. AA+ geratet (bewertet) sind. Mehr als 75% des Bestandes sind somit schlechter bzw. deutlich schlechter bewertet und somit bestenfalls mit Abschlägen zu verkaufen.
•    Die Bank will sich mit ihrer Neuausrichtung auf das Segment »Regionalbank« fokussieren und alle anderen Segmentaktivitäten »quasi um dieses Segment drum herumlegen«. Der Segmentertrag zum 31.06.2011 ist mit 263 Mio. Euro gegenüber dem Vorjahreszeitraum nicht gestiegen, sondern um drei Mio. Euro zurückgegangen. Das verbesserte Ergebnis vor Restrukturierung mit 97 Mio. Euro gegenüber 51 Mio. Euro im Vorjahreszeitraum ist auch wieder nur durch Rückbuchungen von Risikovorsorgen erzielt worden.

Fazit: Die Neuausrichtung, die die Bank nun (viel zu spät) einschlagen will, dürfte bei weitem nicht ausreichen, ihren riesigen und grundsätzlich fixen Kostenblock zu decken. Da hilft es auch nicht, wie mit einem Rasenmäher über den Personalbestand zu gehen. Diese Entscheidung der Bankverantwortlichen ist wieder mal viel zu kurz gegriffen. Um das definierte Ziel der Neuausrichtung, »Bank für Unternehmer« zu werden, umsetzen und erreichen zu können, sind hohe Personalressourcen notwendig. Private Banking im Spitzensegment »Unternehmer« ist ein beratungsintensives Geschäft und bindet nicht nur, sondern fordert zusätzlich quantitativ und qualitativ hohen Personaleinsatz. Ein in absehbarer Zeit realistischer Gewinnausweis aus dem definierten operativen Geschäft  ist somit nicht ansatzweise zu erkennen.

Wenigstens bekommen die beiden Länder Hamburg und Schleswig-Holstein für ihre in Vorjahren getätigten Kapitaleinschüsse schon mal nachträglich zusätzliche Stammaktien: Die EU hat jetzt endgültig die HSH Nordbank aufgefordert, 500 Mio. Euro aus Gewinnrücklagen an die beiden Länder Hamburg und Schleswig-Holstein zurückzuzahlen. Aufgrund deutlich zu hoch festgesetzter Aktienkurse bekamen die Länder für ihre getätigten Kapitaleinschüsse quantitativ zu wenige Stammaktien als Gegenleistung. Die nun auf Druck der EU zu erfolgende Rückzahlung der 500 Mio. Euro ist lediglich eine Korrektur dieser von der Bank unrechtmäßig in ihre Gewinnrücklage gebuchten Teile der Kapitaleinschüsse aus Steuergeldern. Hierfür können nunmehr von den beiden betroffenen Bundesländern weitere Stammaktien im Wege einer Kapitalerhöhung bezogen werden.