14. Oktober 2011

Hapag-Lloyd – TUI muss Kasse machen

von Joachim Bischoff und Norbert Weber

Hapag-Lloyd ist eines der traditionsreichsten Unternehmen und größten Arbeitgeber in Hamburg. Die Stadt hat sich in den letzten Jahren auch finanziell engagiert, um die Reederei und die damit verbundenen Arbeitsplätze für die Region zu sichern.Wegen mehrfacher Veränderungen der Unternehmenslandschaft landete die HAPAG 1997 bei dem damaligen Preussag- Konzern.[1] 1998 kam die TUI durch Zukauf zum Konzern . 2002 beschloss die Hauptversammlung der Preussag eine Umbenennung des Konzerns in TUI AG. Dieser Mischkonzern mit den Geschäftsfeldern Touristik und Frachtgeschäft war dem Druck ausgesetzt, durch eine Konzentration auf Kernbereiche eine höhere Profitabilität auszuweisen.

2008 wurde bekannt, dass die TUI Muttergesellschaft das Containergeschäft aus der Hapag-Lloyd herauslösen wollte, um sich auf ihr klassisches Kerngeschäft Touristik zu fokussieren. Nach diversen Auseinandersetzungen mit  Interessenten am Frachtgeschäft einigte man sich auf die jetzt noch gültige »Hamburger Lösung«. Ursprünglich war geplant, dass das Konsortium Albert Ballin 100% der Hapag-Lloyd kaufen sollte. Wegen der Finanzkrise war der Unternehmer Klaus-Michael Kühne gezwungen, seinen mittelbaren Anteil zu reduzieren. Infolgedessen behielt der TUI-Konzern selbst 43,3 % und das Konsortium übernahm 56,7%.

Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise, die Mitte 2007 ausgebrochen ist, ging nicht spurlos an Hapag-Lloyd vorbei. Mehrfach mussten die Eigentümer einspringen und sowohl Eigen- als auch Fremdkapital in Form von Kreditlinien zur Verfügung stellen.

Nachdem sich die Hapag-Lloyd zwischenzeitlich ein wenig erholt hatte, geht es nun wieder abwärts. Dies betrifft nicht nur Hapag-Lloyd, sondern die gesamte Branche. Hintergrund ist, dass die Frachtraten für den Transport der Container unter Druck stehen und die Preise für Treibstoff deutlich gestiegen sind. Dass  bei fast allen großen Reedereien die Frachtraten deutlich gedrückt werden, die Transportpreise je Container, um bis zu 50% einbrechen, liegt das vor allem daran, dass in den kommenden Monaten viele neue Schiffe in Dienst gestellt werden. Die beiden Marktführer unter den Reedereien liefern sich einen erbitterten Kampf um Marktanteile und kaufen derzeit Ladungsaufträge zu immer niedrigeren Konditionen ein.

Auch bei Hapag-Lloyd hat sich das Herbstgeschäft deutlich verschlechtert. Dies kommt auch im Geschäftsergebnis zum Ausdruck. So hat der Hapag-Lloyd Konzern im 1. Halbjahr 2011 einen Verlust über 32,7 Mio. Euro ausweisen müssen – nach einem Gewinn von 174,9 Mio. Euro im Vergleichszeitraum 2010.

Die Zukunftsaussichten für die Branche sehen nicht gut aus. Experten erwarten noch mindestens ein bis zwei Jahre schwierige Bedingungen. Die wichtigsten Routen für die Containerschiffe befinden sich zwischen Europa und Asien. Ausgerechnet auf diesen Linien kommen immer neue Containerschiffe hinzu, was sich zusätzlich negativ auf die zu erzielenden Frachtraten (Transportpreise)  auswirken wird.

Neben den Branchenbedingungen kommt Hapag-Lloyd auch wegen Veränderungen in der Eigentümerstruktur in ein schweres Fahrwasser. Die TUI will unter allen Umständen ihre Anteile zurückgeben oder möglichst gewinnbringend verkaufen. Ursprünglich war geplant, den Verkauf über einen Börsengang zu realisieren. Das aber lässt die Finanzmarktkrise nicht zu.

Bis Anfang dieses Jahres hielt die TUI 43,3 % an der Hapag-Lloyd Holding, die als Obergesellschaft des Hapag-Lloyd Konzerns fungiert. Auf das Albert Ballin Konsortium entfielen 56,7 %. An diesem Konsortium war Hamburg mit 40,67 % beteiligt. Anfang März veräußerte der TUI-Konzern dann 11,3% seiner Anteile an den Albert Ballin Konzern, sodass nach Abschluss dieses Aktienverkaufs die TUI nunmehr 38,4% an der Hapag-Lloyd Holding hält. Die Hamburgische Seefahrtsbeteiligung „Albert Ballin“ besitzt nach diesem Deal die restlichen 61,6.%

Gemäß dem Halbjahresbericht 2011 der Hapag-Lloyd sieht die aktuelle Eigentümerstruktur wie folgt aus: Als Teil des Konsortiums „Albert Ballin“ hält Hamburg über seine HGV Vermögens- und Beteiligungsgesellschaft 23,6 % an der Hapag-Lloyd Holding, bezogen auf 100% aller Anteilseigner einschl. dem TUI-Anteil.  Weitere Teilhaber am Konsortium sind die Kühne Holding (24,6 %), die Iduna (5,5 %), die HSH Nordbank (3,2 %), die Hanse-Merkur (1,5 %) sowie ein Investorenpool unter Leitung der M.M. Warburg  (3,2 %).

Nun will die TUI für seine verbleibende Beteiligung eine vertraglich vereinbarte Verkaufs-Option („Put-Option“) ziehen. Zunächst müssten sie ihre Anteile dem Ballin-Konsortium andienen. Wenn das Konsortium nicht will oder kann, darf die TUI an Dritt-Interessenten verkaufen.

Der Hintergrund für den Drang zum Verkauf: Der TUI geht es nicht gut. Das Unternehmen müsste dringend in sein Touristikgeschäft investieren.

 

TUI-Konzern

Die TUI-AG besteht aus den Teilbereichen TUI Travel PLC, TUI Hotels u. Ressorts, Kreuzfahrten sowie der Containerschifffahrt Hapag-Lloyd. TUI Travel erwirtschaftet etwa 95% des Konzernumsatzes. Gemäß dem jüngst veröffentlichten Geschäftsbericht für April/Juni 2011 (3. Quartal seines Geschäftsjahres, abweichend vom Kalenderjahr) konnte der Konzern zwar seinen Umsatz um 9,9% auf 4,4 Mrd. Euro steigern, machte unterm Strich aber einen Verlust von 40 Mio. Euro.

Der Konzern konnte seine Nettoverschuldung zwar in jüngster Vergangenheit deutlich senken, die Verschuldung ist nach Analystenmeinung aber immer noch viel zu hoch. Deshalb wird das Unternehmen weiterhin versuchen müssen, sich von Anteilen zu trennen. In den Fokus tritt damit erneut die Beteiligung an Hapag-Lloyd, die das Konzernergebnis zusätzlich belastet und keinen positiven Deckungsbeitrag zum Konzernergebnis liefert. Die TUI selbst und damit auch der Aktienkurs stehen gewaltig unter Druck.


Handlungsmöglichkeiten für die Sanierung des TUI-Konzerns:

Da ein Börsengang zum Verkauf der Anteile an Hapag-Lloyd nicht möglich war und in 2011 auch nicht mehr verfolgt werden dürfte, kommen grundsätzlich nur zwei Möglichkeiten in Betracht:

  1. Die TUI verkauft an einen externen weiteren Investor. Da das Konsortium Albert Ballin in einem solchen Fall gleichfalls Anteile bis 50% plus einer Aktie freigeben müsste, ist für Hapag-Lloyd der Standort Hamburg gefährdet. „Echte“ Kaufinteressenten stehen jedoch nicht gerade Schlange.
  2. Das Konsortium Albert Ballin kauft die Anteile der TUI (38,4%). Das würde für die Hamburg bedeuten, nochmals viel Geld in die Hand nehmen zu müssen. Im Frühjahr mussten für die von TUI bereits veräußerten Anteile von 11,33% weit mehr als 300 Mio. Euro bezahlt werden. Bei etwa ähnlichen Bedingungen (mit Abschlägen) steht deshalb ein Betrag von mehr als einer Mrd. Euro für die TUI-Auslösung im Raum.

So oder so wird die schlechte TUI-Konzernsituation für die Hansestadt Hamburg zu einem Problem. Die Anteilseigner innerhalb des Albert-Ballin Konsortiums spielen deshalb wohl auf Zeit und hoffen auf eine Konjunkturerholung. Oder auf ein Wunder!



[1] Bis 2002 war der Name des TUI-Konzerns Preussag AG. Das Unternehmen entstand 1923. 1997 wandelte sich es sich durch den Verkauf der Salzgitter AG und die Übernahme des Schifffahrts- und Logistikkonzerns Hapag-Lloyd vorwiegend zu einem Dienstleistungsunternehmen in der Freizeitindustrie. Im Jahre 2000 kaufte das Unternehmen die britische Thomson Travel Group hinzu und entwickelte sich zum weltweit größten Touristikkonzern. Seit dem 1.Juli 2002 firmiert es unter dem Namen TUI AG. Negativen Einfluss auf die Geschäftsentwicklung des Konzerns haben auch die Unruhen in Nordafrika. Die angrenzenden Mittelmeerländer sind eine der beliebtesten Tourismusgebiete für TUI-Kunden.

Quelle: http://archiv.linksfraktion-hamburg.de/nc/politik/fachbereiche/haushalt/detail/artikel/hapag-lloyd-tui-muss-kasse-machen/