16. Dezember 2011

Drei Argumente gegen das „besondere Anmeldeverfahren“ an Schulen

Cansu Özdemir, sozialpolitische Sprecherin

- Es gilt das gesprochene Wort -

Die Fraktionen FDP, CDU und der GAL wollen unser Schulsystem mit einem „Besonderen Anmeldeverfahren“ beglücken. Die Schulen sollen sich 40 bis 55 % ihrer Schülerschaft selbst auswählen dürfen. Dabei berufen sie sich auf einen Schulversuch, der vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (Li) evaluiert worden ist. An dem Schulversuch haben sich anfänglich 7 Gymnasien und 6 Stadtteilschulen beteiligt, von denen aber 6 Gymnasien abgesprungen sind, weil der Modellversuch für sie nichts gebracht hat. Die Schulen durften ab 2008 bis 2011 35 bis 55 % der angemeldeten Schülerinnen und Schüler selbst auswählen.

FDP, GAL und CDU lesen nun aus der Evaluation heraus, dass der Schulversuch ein Erfolg war. Das ist unseres Erachtens ein völlig unkritisches Herangehen, da in der Evaluation nur die 13 Schulen einbezogen wurden, die sich an dem Modellversuch beteiligt haben. Diese Beschränkung wird nirgendwo in dem Gefälligkeitsgutachten begründet.
Das ist ungefähr so, wie wenn man einen Modellversuch zu Tempo 80 auf Hamburgs Straßen macht und nur die Autofahrer befragt, wie zufrieden sie damit sind. Was dabei herauskommt, kann man sich denken. Es bleiben Halbwahrheiten.

Und solche Halbwahrheiten hat die Evaluation des Landesinstitut verkündet.
Ich möchte hier 3 „Risiken und Nebenwirkungen“ benennen, zu denen sich in dem Gefälligkeitsgutachten des Landesinstitut wenig bis nichts findet.

  1. Wenn Schulen gut die Hälfte der Schülerinnen und Schüler auswählen dürfen, heißt das umgekehrt, dass nur noch die Hälfte der Schülerinnen und Schüler aus dem Schulbezirk auf ihre nächstgelegene Schule dürfen. Die andere Hälfte der Schülerinnen und Schüler – und das sind Hunderte – muss dann in eine entfernte Schule ausweichen. Nebenbei entsteht so auch mehr Verkehr liebe Grüne.
  2. Eine weitere Folge besteht darin, dass wohlhabende Eltern ihre Kinder an den sogenannten „guten“ Schulen anmelden. Diese Schulen können sich dann ihre SchülerInnen auswählen. Wohlhabende Eltern könnten dem mit Geld, Beziehungen und Rechtsanwälten nachhelfen. So besteht die Gefahr, dass der Bildungsmarkt auch ein Markt für Rechtsanwälte wird und die soziale Spaltung und Bildungsungerechtigkeit in der Stadt, die ohnehin schon skandalöse Ausmaße angenommen hat, sich enorm vergrößern.
  3. Hinzu kommt als Folge die drohende Veränderung der Schullaufbahn. Schülerinnen und Schüler können nicht mehr einfach in die nächstgelegene Schule gehen. Sie müssen sich bewerben. Es wird dann alle möglichen scheinobjektiven Tests geben. Und es wird Gewinner und Verlierer geben.

 Dieser Sachverhalt lässt sich selbst in dem Gefälligkeitsgutachten des Li nicht verschweigen. Ich möchte Ihnen mal 3 Zitate aus dem Gefälligkeitsgutachten vortragen:

  • „Verständlicherweise äußern Eltern, deren Kinder angenommen wurden, keine Kritik. Die Eltern der abgelehnten Kinder hingegen reagieren enttäuscht, setzen sich mit den KoordinatorInnen der Beobachtungsstufe auseinander, scheuen sich auch nicht vor juristischen Schritten und setzen vereinzelt so die Aufnahme ihres Kindes durch.” [S. 9]
  • “Einige Schulen, die das Besondere Aufnahmeverfahren sehr erfolgreich eingesetzt haben, berichten im Übrigen davon, dass die benachbarten Schulen dies mit Skepsis beobachteten. Die Schule setze sich dem Vorwurf aus, ‚die Sahne abzuschöpfen’.“ [S. 9]
  • “Die Auswahl nach Leistungen hat laut Schule im ersten Jahr zu massiven Protesten auf Seiten der Eltern und der Grundschulen geführt. Eltern lernschwacher Kinder, die sich von der Schule Hilfe für ihr Kind erhofft hatten, seien über die Ablehnung empört gewesen.” [S. 10]

Die Fraktion DIE LINKE möchte Schulsenator Rabe bestärken, dem Druck der GAL, CDU und FDP zu einem unsolidarischen Schulsystem nicht nachzugeben.  Wir schlagen im Gegensatz zu den anderen Fraktionen einen anderen, sozialen, gerechten und demokratischen Weg vor.

Wir wollen, dass alle Schulen gleich gut werden. Die finnische Kultusministerin ist einmal in einem Interview gefragt worden, worin das Geheimnis des finnischen Schulsystems liegt. Darauf hat sie geantwortet, dass alle Schulen, egal ob sie in einem armen oder reichen Stadtteil von Helsinki oder auf dem Lande liegen, gleich gut sind. Wenn Olaf Scholz im Wahlkampf versprochen hat, er wolle aus den Schulen Paläste machen, dann kann er hier anfangen.

Es würde schon reichen, wenn alle Schulen gleich gut sind.