13. Mai 2014

Zwei-Säulen-Schulsystem in Hamburg: Abschulen statt Fördern

Abbildung 1: Abgeschulte in den Klassen 5 – 10 in % des durchschnittlichen Schülerjahrgangs, Hamburg Schuljahr 2013/14

Abbildung 1: Abgeschulte in den Klassen 5 – 10 in % des durchschnittlichen Schülerjahrgangs, Hamburg Schuljahr 2013/14

Abbildung 2 Abgeschulte in den Klassen 5 – 10 in % des durchschnittlichen Schülerjahrgangs nach Sozialindex, Hamburg Schuljahr 2013/14

Abbildung 2 Abgeschulte in den Klassen 5 – 10 in % des durchschnittlichen Schülerjahrgangs nach Sozialindex, Hamburg Schuljahr 2013/14

Kay Beiderwieden / Dora Heyenn

Schulformwechsel – also vor allem das Abschulen vom Gymnasium auf die Stadtteilschule – soll es, wenn man von den Übergang von der Klasse 6 in 7 des Gymnasiums absieht, in Hamburg eigentlich nur noch in Ausnahmefälle geben. Dafür gibt es insbesondere zwei Gründe: Der eine ist das Elternwahlrecht. Die Eltern sollen nach dem Hamburgischen Schulgesetz entscheiden, ob ihr Kind ab Klasse 5 aufs Gymnasium, die Stadtteilschule oder eine Sonderschule geht. Der andere Grund ist, dass Schulformwechsel äußerst schädlich sind. Dies bestätigte unlängst die Hattie-Studie. In ihr wurde untersucht, welcher von über hundert Faktoren einen positiven und welcher einen negativen Einfluss auf die Schülerleistung haben. Danach haben den negativsten Einfluss Schulwechsel und das Sitzenbleiben.

Die Betroffenen, Kinder und Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte der aufnehmenden Stadtteilschulen, können die schädlichen Auswirkungen des Abschulens bestätigen. Abschulen fördert nicht den Forscherdrang und die Wissbegierde der Kinder und Jugendlichen, sondern führt zu Misserfolgserlebnissen, zu Beschämungen und dem Gefühl, nicht mehr dazuzugehören.
Die Fraktion DIE LINKE in der Hamburgische Bürgerschaft wollte nun wissen, inwieweit in Hamburg diese schädliche Praxis noch angewandt wird oder ob sich hier etwas zum Besseren geändert hat (siehe Drs. 20/11223 im Anhang).

1 Fast ein Viertel eines Schuljahrgangs bleibt auf der Strecke

Der 1  kann man entnehmen, dass 23 % der Schülerinnen und Schüler eines durchschnittlichen Schuljahrgangs von der 5. bis zur 10 Klasse das Gymnasium verlassen müssen. Dies ist ein sehr hoher Wert, den man nicht mehr als Ausnahme bezeichnen kann. Vielmehr zeigt dieser hohe Wert, dass viele Gymnasien sich als Selektionsanstalt verstehen und die im Schulgesetz geforderte individuelle Förderung hier noch in den Anfängen steckt.

2 Abschulen trifft insbesondere Schülerinnen und Schüler von Gymnasien mit niedrigem Sozialindex

Noch krasser wird das Bild, wenn man den Anteil der Abgeschulten nach dem Sozialindex betrachtet. Abschulungen sind sozial selektiv und ungerecht. Sie treffen insbesondere Schülerinnen und Schüler von Gymnasien mit niedrigem Sozialindex, also Kinder und Jugendliche, die im Schulsystem aufgrund ihrer sozialen Herkunft besonders hohe Startnachteile haben (siehe 2).

Während nur 10 % der Schülerinnen und Schüler von Gymnasien mit dem höchsten Sozialindex 6 abgeschult werden, sind es 58 % der Schülerinnen und Schüler von Gymnasien mit dem niedrigsten Sozialindex 6.

3 Fördern statt Abschulen!

Abschulungen haben nicht nur besonders negative Auswirkungen auf die Schülerleistungen, sie sind obendrein sozial ungerecht. Der SPD-Senat muss unbedingt dafür sorgen, dass Abschulungen zur Ausnahme werden, so wie es § 3 Hamburgisches Schulgesetz verlangt. Dort heißt es:
„1 Das Schulwesen ist so zu gestalten, dass die gemeinsame Erziehung und das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen in größtmöglichem Ausmaß verwirklicht werden können. 2 Diesem Grundsatz entsprechend sollen Formen äußerer und innerer Differenzierung der besseren Förderung der einzelnen Schülerin oder des einzelnen Schülers dienen. 3 Eine Lernkultur mit stärkerer und dokumentierter Individualisierung bestimmt das schulische Lernen.“

„Unterricht und Erziehung sind auf den Ausgleich von Benachteiligungen und auf die Verwirklichung von Chancengerechtigkeit auszurichten. 2 Sie sind so zu gestalten, dass Schülerinnen und Schüler in ihren individuellen Fähigkeiten und Begabungen, Interessen und Neigungen gestärkt und bis zur vollen Entfaltung ihrer Leistungsfähigkeit gefördert und gefordert werden.“
Dem Abschulen muss endlich ein Riegel vorgeschoben werden. Abschulen ist bequem, aber kinder- und jugendfeindlich. Die Ausrede, dass Abschulungen nun mal ein Wesensmerkmal von Gymnasien seien, darf nicht mehr gelten. Stattdessen müssen sich auch Gymnasien einer modernen Pädagogik der individuellen Förderung der Kinder und Jugendlichen öffnen. Die Fraktion DIE LINKE wird das Thema mit einer Großen Anfrage weiter verfolgen.