23. April 2014

Zwei-Säulen-Schulsystem in Schieflage - Zur Anmelderunde 2014

Abbildung 1

Abbildung 1: Angemeldete für die 5. Klassen in Gymnasien, Stadtteilschulen und Sonderschulen, Hamburg Februar 2013 und 2014

Abbildung 2

Abbildung 2: Angemeldete für 5. Klassen mit oder ohne Gymnasialempfehlung sowie mit sonderpädagogischen Förderbedarf¸ Hamburg Februar 2013 und 2014

Abbildung 3

Abbildung 3: Angemeldete für 5. Klassen nach Schulform, Gymnasialempfehlung und sonderpädagogischem Förderbedarf, Hamburg Februar 2014

Kay Beiderwieden und Dora Heyenn

Die Fraktion DIE LINKE hat in einer Schriftlichen Kleinen Anfrage vom Senat die wichtigsten Daten zur Anmelderunde 2014 für die 5. Klassen erfragt. Die Ergebnisse sollen im Folgenden in aller Kürze wiedergegeben werden.

1 Anhaltender Trend zum Gymnasium

54 Prozent der Kinder wurden von ihren Eltern für das Gymnasium angemeldet (siehe 1). Damit hat das Gymnasium seine Stellung als beliebteste Schulform in Hamburg gestärkt. Auf die Stadtteilschulen entfielen dagegen nur 44 Prozent und die Sonderschulen nur noch zwei Prozent der Anmeldungen. Gegenüber dem Vorjahr haben die Gymnasien um zwei Prozentpunkte von 52 auf 54 Prozent zugelegt, während die Stadtteilschulen und Sonderschulen jeweils einen Prozentpunkt verloren haben. Die zunehmende Anwahl der Gymnasien ist ein allgemeiner Trend, der seit den 1960er Jahren andauert. So entfielen auf die Gymnasien im Jahr 2000 nur 45 Prozent der Anmeldungen. Der Trend zum Gymnasium wird aller Vor­aussicht auch in den kommenden Jahren andauern. Eltern, auch mit niedrigem sozialem Status, wollen für ihre Kinder möglichst hohe Abschlüsse.

Der Trend zum Gymnasium hat zusammen mit der G9-Initiative zu Diskussionen geführt, wie man diesen Trend stoppen kann. Als Maßnahmen erster Wahl gelten Einschnitte ins Elternwahlrecht. So hat Karin Prien von der CDU-Fraktion verkündet, man müsse über eine „Verschärfung der Zugangskriterien“ fürs Gymnasium nachdenken (Abendblatt vom 13. Februar 2014). Sonst drohe das Gymnasium zur „Einheitsschule durch die Hintertür“ zu werden. Zu der Frage, ob der Wechsel auf das Gymnasium durch eine Notenschwelle oder eine Aufnahmeprüfung erschwert werden sollte, wollte Frau Prien sich noch nicht festlegen.

DIE LINKE lehnt derartige Einschnitte ins Elternwahlrecht ab. Für DIE LINKE ist die Eine Schule für Alle keine Gefahr, sondern ein Segen. Außerdem widersprechen Einschnitte im Elternwahlrecht dem Volksentscheid von 2010, in dem es neben der Primarschule um den Erhalt des Elternwahlrechts ging. Letzteres sieht auch die Elternkammer so. Sie erklärt: „Die Elternkammer Hamburg hält die Einschränkung des Elternwahlrechts keinesfalls für ein probates Mittel, die starke Anwahl der Gymnasien zu regulieren.“ (Abbildung 1)

2 Mehr Gymnasialanmeldungen als Gymnasialempfehlungen

Während 54 Prozent der Kinder für die 5. Klasse des Gymnasiums angemeldet wurden, haben nur 45 Prozent eine Gymnasialempfehlung von ihren Lehrkräften erhalten (siehe Abbildung 2).

Ein Teil der Eltern hält sich offensichtlich nicht an die Gymnasialempfehlungen. Dies scheint auf den ersten Blick Einschnitte ins Elternwahlrecht zu bestärken. Dagegen spricht eine Reihe von Argumenten.

  • Vorhersagen über die weitere Schulkarriere von Zehnjährigen sind kaum möglich. Das belegt auch ein Vergleich der Anmeldezahlen vom Schuljahr 2000/01 mit den Abiturientenzahlen von 2009/10. Während 2000 nur 45 Prozent zum Gymnasium angemeldet wurden, haben 2010 nicht weniger, sondern mehr (nämlich 48 Prozent) das Abitur gemacht.
  • Die KESS-Studie (Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern 8) hat gezeigt, dass 40 Prozent der Gymnasialempfehlungen nach Klasse 4 falsch sind.
  • Bevorzugt werden dabei die ohnehin Privilegierten und benachteiligt werden die ohnehin Benachteiligten. Kinder von Führungskräften haben in Deutschland – bei gleicher Leseleistung! – eine rund drei Mal größere Chance, eine Gymnasial-Empfehlung zu bekommen, als Kinder von Facharbeitern. (Spiegel Online vom 19. April 2010 über die vertiefte Auswertung der Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung 2006).
  • Die oben genannten IGLU-Forscher fragen, was man gegen „das unvermeidliche Ausmaß der Fehlentscheidungen“ machen kann. „Aus ihrer Sicht spricht vieles dafür, ein Kind eher auf eine höhere Schule gehen zu lassen: im Zweifel für das Gymnasium. Die Forscher plädieren für einen ‚pädagogischen Optimismus’, da erfahrungsgemäß viele Schüler, denen die Lehrer keine Eignung für das Gymnasium bescheinigt hätten, dort nicht scheiterten“ (ebenda).

3 Fast alle Gymnasialempfohlene gehen aufs Gymnasium

92 Prozent (Vorjahr 91 Prozent) der Gymnasialempfohlenen wurden aufs Gymnasium angemeldet, nur acht Prozent auf die Stadtteilschulen (siehe 3). Viele Stadtteilschulen haben kein Kind mit einer Gymnasialempfehlung bekommen. Insbesondere solchen Stadtteilschulen gelingt es in größerem Maße, Kinder mit Gymnasialempfehlung zu gewinnen, die sich als Reformschulen einen Namen gemacht haben. Sie werden den übrigen Stadtteilschulen gern als leuchtende Beispiele vorgeführt. Wenn sich alle Stadtteilschulen so wie die Reformschulen anstrengen würden, so lautet diese Argumentation, dann ließen sich die Stadtteilschulen „stärken“ und damit das Zwei-Säulen-Modell retten.

Dabei wird allerdings übersehen, dass die mit Schulpreisen ausgezeichneten Schulen wie die Stadtteilschule Winterhude oder die Stadtteilschule Altona nur 29 Prozent bzw. 24 Prozent der Anmeldungen von Kindern mit Gymnasialempfehlung erreichen konnten. Dagegen haben selbst die Gymnasien mit dem niedrigsten Anteil an Gymnasialempfohlenen, wie das Kurt-Körber-Gymnasium oder Helmut-Schmidt-Gymnasium, mit 49 Prozent bzw. 51 Prozent einen fast doppelt so hohen Anteil an Gymnasialempfohlenen wie die Stadtteilschulen Winterhude oder Max Brauer.Die Stadtteilschulen können sich noch so sehr anstrengen, sie werden nicht an die Gymnasien herankommen.

Umgekehrt schicken 23 Prozent der Eltern ihre Kindern aus Gymnasium, die keine Gymnasialempfehlung haben. Dies entspricht dem „Auftrieb von unten“ und ist durchaus verständlich, weil, wie zuvor ausgeführt wurde, 40 Prozent der Gymnasialempfehlungen falsch und dabei auch noch sozial diskriminierend sind. (siehe Abbildung 3)

Die Inklusion ist weit fortgeschritten in Hamburg. Nur noch 22 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf wurden von ihren Eltern für Sonderschulen angemeldet, aber 75 Prozent auf Stadtteilschulen. Die Stadtteilschulen müssen in Hamburg fast allein die „Inklusion“ bewältigen. Von daher kann man auch nur von einer „halben“ Inklusion sprechen, da die Gymnasien nicht für diese Aufgabe herangezogen werden und exklusiv bleiben. Diese einseitige Heranziehung der Stadtteilschulen für die Inklusion schwächt die Stadtteilschulen. Wenn aber eine Säule des Zwei-Säulen-Schulmodells in Hamburg geschwächt wird, dann gerät das gesamte Zwei-Säulen-Modell in eine Schieflage.