29. Oktober 2012

Schöne neue Arbeitswelt? - Zukunft der Arbeit im Alter

von Kersten Artus

Die Deutschen leben immer länger – ein heute geborenes Mädchen wird 83 Jahre alt, ein Junge 78 Jahre. Es gibt immer aber immer weniger junge Menschen – müssen daher die Alten auch länger arbeiten? Wer gesund und noch aktiv ist, kann durchaus arbeiten – und tut es auch! In jedem siebten Unternehmen Deutschlands sind zum Beispiel SeniorInnen Manager. 2001 waren in Hamburg 29.047 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte über 60 Jahre alt, 2011 waren es 43.663.  Bundesweit arbeiten 80.000 Menschen im Rentenalter Vollzeit. Immer mehr alte Menschen müssen aber arbeiten, weil die Rente nicht zum Leben reicht.

Von den 60-Jährigen sind heute bundesweit nur noch 38 Prozent in einer regulären sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, ab 62 Jahre sind es nur noch 29 Prozent. Die Zahl der Mini-JobberInnen ist in den letzten zwölf Jahren um 60 Prozent gestiegen, bundesweit sind das aktuell 761.000 Menschen. 120.000 von ihnen sind älter als 75 Jahre.

Typische Tätigkeiten arbeitender RentnerInnen sind Putzjobs, Zeitungen austragen, Supermarktregale füllen oder Aufsicht führen in Bücherhallen und Museen. Selten sind beratende Jobs oder eine Rückkehr als Teilzeit im alten Job, wie bei Otto. Der Konzern gründete ein eigenes Tochterunternehmen, die RentnerInnen arbeiten maximal 50 Tage im Jahr, haben aber die gleichen Stundenlöhne wie die Jüngeren.

Otto darf nicht als Alibi für andere Betriebe vorgeschoben werden. Generell fehlt es den Betrieben an Strategien für altersgerechtes Arbeiten. Angesetzt werden müsste auch beim Gesundheitsschutz, der Ergonomie, Arbeitsabläufen, der betrieblichen Weiterbildung, Ausbildung. Die Unternehmen müssen in die Pflicht genommen werden, und aktiv etwas gegen den Fachkräftemangel tun, statt ihn nur beklagen oder ins Ausland zu schielen: Warum bekommen zum Beispiel nicht die vielen qualifizierten Frauen die Jobs, die RentnerInnen prekär ausüben? Fast ein Fünftel  aller Frauen sind unter ihrer Qualifikation beschäftigt. Frauenarmut wird in den nächsten Jahren massiv zunehmen. Da tut sich der nicht widerlegte Verdacht auf, dass Unternehmen die Situation armer, alter Menschen nur ausnutzen.

Was ist, wenn die Rente nicht zum Leben reicht, aber Arbeiten keine Alternative ist?

Jährlich geben 180.000 Menschen aus gesundheitlichen Gründen ihren Beruf auf, sie sind dabei durchschnittlich 50 Jahre alt. 60 Prozent von ihnen beziehen vor Eintritt in die Rente mit Abschlägen Ruhegeld. Solange sich an der Prävention zur Erwerbsminderung und eine bessere Rehabilitation nichts verändert, wird dies einer der Hauptgründe für Altersarmut bleiben. Die Abschläge bei der Erwerbsminderung müssten daher als ein Schritt komplett gestrichen werden, das würde im Schnitt 77 Euro mehr Rente monatlich bedeuten. Es darf auch keine Unterscheidung mehr zwischen Zeit- und Dauerrenten mehr geben, weil Zeitrenten ohnehin in der Regel zu Dauerrenten werden.

Länger leben darf nicht heißen, gleichzeitig länger zu sterben: Arbeiten können nämlich auch jene nicht, die pflegebedürftig sind – und zunehmend arm: 3,4 Millionen Pflegebedürftige wird es 2030 geben, mehr als eine Million mehr als heute. 320.000 Pflegeheimplätze werden bis 2030 benötigt. Heute gelten 1,4 Mio. Menschen als Demenzkrank, 2050 sollen es 3 Mio. sein. Die gesetzlichen Leistungen zur Pflege steigen kontinuierlich an. In Hamburg hat die Bürgerschaft jüngst weitere 14 Millionen Euro beschlossen, in den Landeshaushalt nachzuschießen, weil das die ursprüngliche Summe zu knapp kalkuliert gewesen ist. In nur einem Jahr ist die Zahl der auf Hilfen zur Pflege berechtigten um fünf Prozent bundesweit gestiegen.

Die Renten entwickeln sich nach unten

Wer vor seinen Renteneintritt drei Jahre in Beschäftigung war, geht mit noch einer relativ hohen Rente in den Ruhestand. Die Durchschnittsrente liegt aber heute bereits bei 909 Euro (Männer) und 597 Euro (Frauen) in Hamburg. 19.700 Frauen und Männer in Hamburg haben nur Grundsicherung, Hamburg nimmt einen traurigen Spitzenplatz bei der Altersarmut ein. Und es geht weiter bergab: Das Nettorentenniveau wird sich bundesweit bis 2030 um ca. 12 Prozent vermindern. Jede und jeder zehnte wird dann von  Grundsicherung leben. Vor allem alleinstehende Frauen werden betroffen sein. Die Rente erst ab 67 Jahren ist daher falsch. Der richtige Ansatz wäre: Das Rentenniveau muss bei 51 Prozent eingefroren werden, denn ein Absenken auf 43 Prozent bis 2030 wird extreme Altersarmut hervorbringen. Der Beitragssatz muss nicht gesenkt sondern moderat angehoben werden, etwa um 0,1 Prozent, bis 22 Prozent erreicht sind. Damit wird eine weitere Absenkung des Rentenniveaus verhindert. Die Mindestentgeltpunkte für Langzeitarbeitslose und NiedrigverdienerInnen müssen wieder eingeführt werden.

Ein wichtiges politisches Handlungsfeld ist zudem altersgerechtes Wohnen und Leben. Ältere Menschen dürfen nicht aus der Stadt verdrängt werden – im Gegenteil: Die gute Infrastruktur erleichtert das Leben im Alter: Ärzte oder auch Einkaufsmöglichkeiten sind gut zu erreichen. 2030 Aber die Mieten steigen, die Gentrifizierung greift um sich und verdrängt Ältere aus ihrem Stadtteil. Die Forderungen liegen auf der Hand: Preissteigerungen bei den Mieten sind zu unterbinden, als erstes muss der Mietenspiegel abgeschafft werden. Wir brauchen nicht mehr Altenheime, sondern mehr altersgerechte Wohnungen, Städte müssen altengerecht umgebaut werden: Konkret müssen Bushaltestellen, Fußgängerwege, Parks gebaut, ausgebaut und barrierefrei zur Verfügung stehen. Die derzeitigen Maßnahmen dauern zu lange und sind nicht durchdacht, wie man zum Beispiel an der Posse um den S-Bahnhof Poppenbüttel sieht.

Quellen: SoVD, Paritätischer, IAQ, DGB, Statistisches Bundesamt, Senatsdrucksachen