30. Juli 2013 Kersten Artus

Fragen und Antworten zum Deal zwischen Axel Springer und der WAZ

Quelle: KMJ on de.wikipedia

Quelle: KMJ on de.wikipedia

Am 26. Juli 2013 informierten die Axel Springer AG und die Funke-Gruppe über den Verkauf/Kauf der drei Regionalzeitungen, der Programm- und Frauenzeitschriften in Höhe von 920 Millionen Euro. In den Medien wird über diese Entscheidung der beiden führenden deutschen Zeitungsgruppen heftig diskutiert. Als linke Medienpolitikerin möchte ich zu einigen Fragen Stellung beziehen.

Warum hat die Bürgerschaftsfraktion nur so kurze Presse-Erklärung abgegeben und keine grundlegende Einschätzung der Lage?

Kurz vor 10 Uhr wurde die Information über den Deal zwischen Axel-Springer und der WAZ bekannt, es gab noch nicht einmal die Presse-Information der beiden Unternehmen, die Beschäftigten waren noch nicht einmal informiert. Es ging darum, eine schnelle Erklärung abzugeben und unsere prinzipielle Haltung zu verdeutlichen. Nur der Erste Bürgermeister Olaf Scholz war etwas schneller als wir.

Auf der Basis der vorliegenden Informationen haben wir deutlich gemacht: Es geht uns um die Arbeitsplätze, wir stehen an der Seite der Arbeitnehmer/innen. Von den anderen Fraktionen in Hamburg hat dies keine erklärt! Zum zweiten wollten wir uns gegen die angebliche Krise der Zeitung positionieren. Print lebt, auch wenn interessierte Verlegerkreise zweckgebunden immer mal wieder von einer Zeitungskrise sprechen, um von eigenen Unvermögen, der eigenen Strategie etc. abzulenken.

Wie geht die inhaltliche Aufbereitung weiter?

Die Diskussionen und Positionierungen finden sehr intensiv statt. Aus Perspektive der Betriebsräte und Gewerkschaften, die sich damit sehr ernsthaft befassen werden, hängt viel von einer Einschätzung ab, um mit allen Beteiligten eine politische, solidarische und kämpferische Vorgehensweise zu entwickeln.

Wenn ich sage, die Funke-Leute machen alles kaputt, erreiche ich Empörung und auch Wut. Das reicht aber als Strateige nicht aus. Es wird eine vernünftige Einschätzung der Prozesse geben müssen, keine Spekulationen. Eine Einschätzung muss auf Wissen beruhen.
Im Moment sind alle noch in der Phase der Sammlung. Man darf die Betroffenen mit ihren Sorgen und Zukunftsängsten, aber auch mit ihrer Entäuschung über die Umgangsweise des Hauses Springer nicht alleine lassen, man muss ihnen Plattformen für ihre Meinungen bieten, so dass daraus organische Kraft wird.

Eine wesentliche Erkenntnis ist: Marktprozesse sind eng verbunden mit Arbeitskosten, im Prinzip dreht es sich nur um sie. Das gilt im Übrigen nicht nur für diejenigen, die Springer jetzt an die Funke-Gruppe verkauft, sondern auch für die Verbleibenden in der Axel Springer Gruppe.

Es liegt doch auf der Hand, dass hier die Funke-Gruppe die Leute künftig abbauen wird und Axel Springer sich auf das digitale Geschäft konzentriert, hätte man das nicht sagen müssen?

Springer verabschiedet sich weder aus den Medien, noch aus den Printmedien. Sicher ist aber, dass der Konzern keine Arbeitsbeziehungen mehr mit den 900 Beschäftigten will. Es gibt faktisch bis auf den grob bekannten Fahrplan und langsam durchsickerende Informationen aus Hintergrund-Geschichten wenig Fakten, auf die man sich beziehen kann. Noch gibt es keinen Kaufvertrag, alles steht unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Kartellamts. Das dürfte auch der Grund sein, warum man sich bis 1. Januar 2014 Zeit gibt. Das Kartellverfahren ist praktisch und einfach. Es wird eine marktberrschenden Stellung in verschiedenen Teilmärkten überprüft. Entweder stimmt es zu, unter Auflagen oder es wird abgelehnt. Axel Springer hat seine Erfahrungen beim Einstieg in ProSiebenSat1AG gemacht. Solang es keine Zustimmung gibt (vier Wochen Frist), gibt es keinen neuen Eigentümer, dem alten gehört alles weiterhin. Es gibt noch die Möglichkeit des Ministererlass. Nach Angaben des Kartellamtes liegt zudem auch noch kein Antrag vor.

Stimmt es, was Verdi schreibt, dass Axel Springer sich mit dem Deal aus Hamburg verabschiedet?

Ich stelle mir auch die Frage, wer von den bisherigen Beschäftigten der Axel Springer AG künftig, sollte es zu diesem Geschäft kommen, hier noch arbeiten wird. Die BILD Hamburg wird es auch künftig geben und sie wird sicher aus Hamburg erstellt, aber so groß ist die Redaktion nicht, dass sie die ganzen Gebäude belegen würde.

Auch wenn noch nichts Abschließendes passiert ist, aber würde uns die “Due Dilignce”, eine Studie über den Inhalt der Übernahme, wir wüssten sofort, was die Konsequenzen sind. Aufgrund der Erfahrungen muss man davon ausgehen, dass es zu Zusammenlegungen in der Programmpresse und den Frauentiteln von Axel Springer und der Funke-Gruppe kommt.
Man muss sich vor Augen führen, was hier für eine Triebkraft entsteht: Der Kauf wird über eine Bank fremdfinanziert, vermutlich wird die Funke-Mediengruppe so ziemlich alles einbringen in diese Finanzierung, es sind Zinsen und Rückzahlungsraten zu bezahlen – und das in einem Markt, der im Anzeigengeschäft sinkt, im Vertrieb stagniert. Wie soll das organisiert werden, wenn nicht über Synergien und Personalabbau?

Warum kauft die Funke-Gruppe das Hamburger Abendblatt, das Auflage verliert?

Das Hamburger Abendblatt ist ein wirtschaftlich erfolgreicher Titel. Die Bergedorfer Zeitung, eine Traditonszeitung im Hamburger Norden, dürfte unter Druck stehen, aber hat eine starke Stellung als Dienstleister im Bereich der Vorstufe. Generell, und das kann man auch in den Finanzpublikationen der Axel Springer AG nachlesen, ist der Anzeigenumsatz die letzten Jahre rückläufig, aber nicht die Vertriebsumsätze – generiert durch Preiserhöhungen.

Axel Springer beherrscht in Hamburg komplett mit seinen Produkten den Markt. MOPO und taz sind gegen die Auflagenriese Axel Springer eher bedeutungslos. Im Anzeigenmarkt ist seine Stellung noch größer. Gerade hat es eine Studie einer Unternehmensberatungsfirma gegeben, dass der regionale Wettbewerb nicht durch das Internet bedroht wird, sondern duch Radio und Direktverteilung (einkauf aktuell). Zu übersehen ist auch nicht, dass es nicht einen absoluten Abgang von Werbung gibt, sondern eine Verschiebung. So verzeichnen die Anzeigenblätter weiterhin eine positive Umsatzentwicklung. Um im Markt der Direktverteilung, also der Beilagen, die Marktverschiebung abzuschöpfen, wurde die “Woche” als kostenlose Zusammenfassung des Abendblatts gegründet. Bei der Berliner Morgenpost gibt es so ein Produkt schon länger.

Axel Springer vollzieht den Wandel zum digitalen Medienunternehmen, während die Funke-Gruppe sich am Vergangenen orientiert. Überlebt so etwas?

Axel Springer vollzieht einen strategischen Wandel. Aber die nach meiner Meinung hochdefizitäre Welt, Welt am Sonntag und Welt Kompakt sowie die BILD, BAMS und City BILD bleiben als nationale Zeitungen Kern der Markenstrategie von Axel Springer. Dem Unternehmen mögen verschiedenen Online-Firmen gehören, aber die würde man nicht mit Springer in Zusammenhang bringen. Ohne Marken- und Produktstrategie gibt es aber keine ernstzunehmenden Umsätze. Um BILD und WELT als nationale Zeitungen wird sich auch das digitale Geschäft der Axel Springer AG weiterentwickeln. Mit 660 Millionen Euro bis zum 30. Juni 2014 hat man erhebliche finanzielle Mittel, um sich für das digitale Geschäft weiter zu formieren. Wenn ich die Erklärungen der Springer-Leute zu ihrem Besuch in den USA nehme, fällt auf, dass sie sehr viel von Apps, von Produkten sprechen, die sie auf den Markt bringen sollen. Im Zusammenhang mit dem Verkaufsplanungen ist die BILD mit ihrem Paid Content-Konzept gestartet, um digitale Vertriebserlöse zu generieren.

Wo liegt der grundlegende Strategiewechsel bei Axel Springer?

Es wird viel heiße Luft generiert, ein Erfolgsrezept hat in den Zeitungsverlagen im Moment keiner, sonst würde sich alle in das Geschäft drängen. Die Zersplitterung traditioneller Vertriebskanäle hat bei den Menschen neue Zugangswege zum Konsum von Produkten und Inhalten geführt. Gleichzeitig ist die Loyalität der Menschen zu den alten (Medien)Produkten gesunken. Schwindende Auflagen und AbonnentInnen zwingen die AnbieterInnen zur Steigerung der Online-Erlöse. Man muss sehen: Die Tag der Desktop-Seiten sind gezählt! In Riesenschritten kommt das mobile Internet. Es ist allerdings keine Einbahnstraße. Immer mehr Menschen kommunizieren in Echtzeit – sowohl miteinander als auch mit den AnbieterInnen, hier spielen vor allem die Sozialen Netzwerke eine große Rolle. In dieser Richtung in etwa schätze ich, wird die Axel Springer AG künftig massiv gehen. Wer diesen Weg belegt, wird sicher über eine längere Zeit davon profitieren.

Es ist bezeichnend, wie wichtig Axel Springer das Printgeschäft ist, denn mit der WAZ wird eine gemeinsame Vermarktungs- und Vertriebsgesellschaft für das regionale gebildet, die mehrheitlich von Axel Springer beherrscht und geführt wird. Ohne diese gemeinsame Vermarktung hätte sich jeder im Markt die Hände gerieben, dass nur über Größe heute Umsätze verbessert werden können. Im überregionalen Anzeigenverkauf ist die Axel Springer mit der WAZ, Madsack, DuMont Schauberg und anderen an der nationale Anzeigenvermarktung “Medienhaus Deutschland”, einer gemeinsamen Vermarktungsgesellschaft von acht Regionalverlagen, beteiligt.
Die Funke-Gruppe würde auf der Basis der Übernahme-Umsätze rein rechnerisch künftig mit deutschen Geschäft einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro machen, alleine der Umsatz mit der Zeitungen, Anzeigenblätter und Zeitschriften würde eine Milliarde Euro betragen. Es ist faktisch so, dass hier die Nummer 1 im deutschen Zeitungsmarkt einen Teil ihres Portfolio gezielt an die Nummer 2 im Markt verkauft und man davon ausgehen muss, dass vom Zeitungsumsatz die WAZ/FunkeGruppe die Nummer 1 wird.
Alle Zeitungsgruppen sind dabei, eine digitale Strategie zu entwickeln, umzusetzen und daraus Umsatz sowie Rentatabilität zu entwickeln.

Es ist nicht zu übersehen, dass die Axel Springer AG frühzeitig den Weg ins Web unternommen hat, angefangen mit dem Web-Auftritt der Welt Mitte der 1990er Jahre. Nach dem Scheitern des Einstiegs ins Fernsehen und den sehr teuren Verlust, wer sich noch daran erinnert, der PIN AG mit rund 500 Millionen Euro Verlustabschreibung, wurde der Weg ins Digitale beschritten. Dabei hat man sich schwerpunktmäßig im Rubrikengeschäft etabliert, sei es das Karriere-Portal “Stepstone.de” oder Immobilienportale wie “Immonet.de”. Durch die Markenstrategie von BILD und Welt hat man im Web heute ein sehr große Reichweite, so dass man daraus hohe Anzeigenumsätze realisiert. Es ist nicht zu übersehen, dass Axel Springer nach eigenen Angaben nur ein Drittel des Umsatz mit ihren journalistischen Portalen einfährt.

Was wird aus den Arbeitsplätzen?

In erster Linie sind die betrieblichen und gewerkschaftlichen AkteurInnen gefragt. Nach Medienangaben sind 800 bis 900 ArbeitnehmerInnen betroffen. Die Gewerkschaften organisieren einen Teil der Belegschaften und an beiden Standorten gibt es Betriebsräte. Axel Springer in Hamburg ist tarifgebunden, die Berliner Morgenpost in Berlin nicht. Die Programm- und Frauenzeitschriften sind tarifgebunden, die Anzeigenblätter nicht, die Bergedorfer Zeitung ist ebenfalls tarifgebunden. Zu Recht hat Verdi erklärt, dass die Tarifgebundenheit erhalten, die Absicherung der tariflichen Bezüge gesichert werden muss.

In Verdi und auch im DJV wird das Herangehen diskutiert und auch die Betriebsräte werden sich um ihre strategische Positionierung bemühen. Als DIE LINKE werden wir die ArbeitnehmerInnen in ihren möglichen Aktionen gegen Arbeitsplatzverlust und den Abbau von Tarifrechten unterstützen. Um eine starke Ausgangslage betrieblich und überbetrieblich zu haben, muss sicher noch Einiges erarbeitet werden, aber – wie gesagt – das ist die Aufgabe der Betriebsräte bei Axel Springer, der WAZ, dem Gong-Verlag in München.
Wenn die taz schreibt, dass DIE LINKE mit einem Mal Springer “lieb” hätte, weil wir solidarisch mit den Beschäftigten sind, antworte ich: Alle abhängig Beschäftigten haben das Recht auf eine politische Vertretung und darauf, dass Möglichkeiten geschaffen werden, dass sie sich politisch zu sammeln und zu wehren. Dabei sind wir gern behilflich. Auch wenn uns nicht alle “lieb” haben.