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4. November 2014

"Der Islam an sich ist nicht das Problem"

Podiumsgäste und BesucherInnen im Kaisersaal, Rathaus

Podiumsdiskussion zum Umgang mit IS-Rekrutierungen in Hamburg

Wie und warum werden Hamburger Jugendliche zu fanatisierten Kämpfern der mörderischen Organisation "Islamischer Staat" (IS)? Und wie können Familien, LehrerInnen, staatliche und gesellschaftliche Institutionen das erkennen und tätig werden – präventiv und nötigenfalls auch repressiv? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Fraktion DIE LINKE in einer gut besuchten Podiumsdiskussion mit den Experten Götz Nordbruch vom Verein Ufuq in Berlin, Ramses Oueslati vom Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung und Michael Gerland von A.M.A. e.V. aus Altona.

Etwa 40 fanatisierte Menschen aus Hamburg sind bereits nach Syrien und in den Irak gereist, um dort für den IS zu kämpfen. Rund ein Drittel von ihnen ist inzwischen in die Hansestadt zurückgekehrt – teils desillusioniert oder traumatisiert, teils aber auch noch stärker fanatisiert. "Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein", sagte in ihrer Einführung ins Thema Cansu Özdemir, die sozialpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft. "Aber warum und wie entwicklen sich manche Jugendliche so und andere nicht?"

Salafisten füllen vorhandene Lücken

"Der Islam an sich ist gar nicht das Problem", erläuterte der Migrationspädagoge Ramses Oueslati. "Es geht vielmehr darum, welche Lücke im Leben der zumeist jungen Menschen Salafisten füllen." Das sieht auch der Islamwissenschaftler Götz Nordbruch so: "Es gibt vielleicht 700 Salafisten in Deutschland. Aber der Islamist Pierre Vogel etwa hat bei Facebook 70.000 Fans. Die meisten sind keine Salafisten. Aber sie finden bei Vogel muslimische Antworten auf Alltagsfragen." Gerade weil viele Jugendliche "religiöse Analphabeten" ohne theologisches Wissen und meist auch ohne Arabischkenntnisse seien, fänden sie im Koran oder in der Moschee keine Antworten auf Fragen, die für alle Heranwachsenden typisch und normal seien. Mit verständlichen, auch deutschsprachigen Antworten und Bildungs- und Freizeitangeboten würden Salafisten attraktiv.

"Das ist nicht sektenhaft oder gezwungen", so Nordbruch. "Die meisten gehen freiwillig und gern hin, weil sie dort Angebote finden, die es woanders nicht gibt. Drogenberatung, Familienberatung, Sozialberatung fallen anderswo immer mehr weg." Der Wunsch nach Gemeinschaft, Wissen, Orientierung und Perspektiven sei nicht religiös oder gar islamistisch bedingt. "Deshalb wäre es wichtig, Jugendliche mit diesen ganz normalen Fragen dabei zu unterstützen, Perspektiven, Selbstbewusstsein und eine eigene Identität zu entwickeln." Das gelte für Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt. Dazu gehöre aber auch, dass das Bekenntnis zum Islam in Deutschland endlich als normal anerkannt werde.

Subjektive Erfahrungen und persönliche Krisen

Denn damit Jugendliche mit ganz normalen Fragen und Problemen überhaupt die Bereitschaft entwickeln, sich fanatisieren zu lassen, einen neuen Freundeskreis zu suchen und bisherige Kontakte abzubrechen, müsse es einen Auslöser, eine persönliche Krise geben, so der Familientherapeut Michael Gerland: "Das sind in den meisten Fällen keine Familienprobleme, die Eltern haben nichts falsch gemacht. Das sind psychosoziale Probleme." Das müsse keine objektiv erkennbare Desintegration sein, sondern es handle sich meist um subjektive Erfahrungen. Oftmals, aber nicht immer, sei dies die wie auch immer begründete Wahrnehmung, als Muslim, Migrantenkind oder Konvertit nicht richtig zur Gesellschaft zu gehören. Dies sei nicht auf Menschen mit geringer Bildung oder schlechten Sprachkenntnissen begrenzt.

"Diese negativen subjektiven Erfahrungen nutzen die Salafisten. Sie machen sogar eine regelrechte Opferideologie daraus", erklärte Götz Nordbruch. "Sie stellen das Fremdsein, das nicht Dazugehören als positiv dar, als Ausdruck einer elitären Stellung. Sie verweisen dabei auf die Anfeindungen, die der Prophet Mohammed zu Beginn seines Wirkens erfahren hat." Zu einem Fanatisierungsprozess, der bis in die Reihen des IS führt, gehöre aber mehr, sagte Michael Gerland. "Dazu braucht es viele einzelne positive Erfahrungen in diesem neuen Umfeld. Die nächste Stufe ist dann ein größeres Interesse, ein Mehr-Wollen. Auf dieser Stufe bleiben aber viele stehen. Um sich einer Mörderbande anzuschließen, muss schon mehr passieren." Gut erreichbare Hilfsangebote ohne Vorverurteilungen könnten hier Vieles verhindern.

Warnung vor Alarmismus

Ramses Oueslati warnte allerdings vor Alarmismus: "Wenn ein Mädchen aus den Ferien zurück kommt und plötzlich ein Kopftuch trägt, kann das ein Zeichen für eine Fanatisierung sein – muss es aber nicht. Ablehnung und Unterstellungen können dann erst zu einem subjektiven Gefühl der Ausgrenzung führen und alles verschlimmern." Ein eindeutiger Hinweis auf eine erfolgte Fanatisierung sei dagegen ein völlig veränderter Freundeskreis und vor allem ein Dialogabbruch – dann sei es aber schon zu spät. "So komisch es klingt: Wenn Schülerinnen und Schüler mit antisemitischen oder sexistischen Sprüchen provozieren, dann ist noch alles in Ordnung. Das ist in den allermeisten Fällen einfach pubertäres, rebellisches Verhalten. Ein Dialog ist dann grundsätzlich noch möglich: Provokationen wollen beantwortet werden. Wer einen Radikalisierungsprozess abgeschlossen hat, hat gar kein Interesse mehr daran, zu provozieren."

Insbesondere auf junge Menschen ausgerichtet empfahl Oueslati deshalb eine massive finanzielle, personelle und konzeptionelle Stärkung der Prävention in Schulen. "Es braucht viel stärker eine interkulturelle Schulentwicklung, eine Schulatmosphäre, die die Jugendlichen darin bestärkt, Selbstbewusstsein zu entwickeln und ihren eigenen Weg zu gehen." Die so genannte Risikogruppenprävention mit direkter Ansprache sei oft mit Vorurteilen behaftet und schrecke ab. "Wir müssen unaufgeregt mit oft pubertätsbedingter Sinnsuche umgehen, provokatives Parolen annehmen und begründet entkräften", sagte der Pädagoge. Dazu sei viel Unterstützung für die Lehrkräfte nötig: "Viele können etwa nicht zwischen allgemeinem Konservatismus und religiösem Extremismus im Elternhaus unterscheiden. Sie setzen das gleich und schrecken ab." Allerdings habe die Pädagogik Grenzen, insbesondere nach dem Abschluss eines Fanatisierungsprozesses: "Irgendwann müssen polizeiliche Maßnahmen kommen."

Michael Gerland warnte vor einem völlig normalem Affekt auf das Erkennen einer Fanatisierung: "Normalerweise sind Menschen erschrocken und geschockt wenn sie feststellen, dass ihre Kinder oder Freunde sich fanatisiert haben. Der Fehler, der dann fast immer passiert, ist der Vorwurf: Wie kannst du nur? Das führt aber zur Bestätigung der Fanatisierten: Mich versteht hier niemand. Aber dieser Fehler ist unvermeidbar. Wir sind alle nur Menschen, wir erschrecken alle. Und man ist ja auch überfordert: Da steht plötzlich ein völlig anderer Mensch da." So schwer es sei: Wichtig sei es, Interesse zu zeigen, einen Dialog aufzubauen und einen (weiteren) Rückzug möglichst zu verhindern.

Beratungsangebote endlich deutlich ausbauen

Götz Nordbruch wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die wenigen Beratungsstellen für Angehörige oder FreundInnen von Menschen im Fanatisierungsprozess (Kitab in Bremen, Hayat in Berlin) in letzter Zeit geradezu überlaufen würden. "Sie müssen sofort gestärkt werden, auch finanziell", forderte er. "Und dann muss politische Bildung weit im Vorfeld sein. Es müssen Konzepte entwickelt werden: Wie erreicht man ganz normale Jugendliche, die noch nicht nach Syrien reisen, aber sich Antworten von Pierre Vogel holen? Und wir müssen ein Empowerment ermöglichen, damit Menschen sich als normaler Teil der Gesellschaft fühlen können. Das erfordert allerdings auch eine andere Haltung der Mehrheitsgesellschaft."

Einig waren sich alle drei Experten: Prävention sei aufwendig und teuer. Werden Fanatisierungsprozesse aber nicht verhindert, helfe nach deren Abschluss keine Pädagogik mehr. "Dann muss ich gegen sie kämpfen", sagte Ramses Oueslati. Auch Michael Gerland vertrat die Ansicht, dass etwa eine schulische oder gesellschaftliche Reintegration von zurückkehrenden Kämpfern nicht möglich sei, wenn keine Bereitschaft zur Aufarbeitung bestehe. Um repressive Maßnahmen komme man ab einem bestimmten Punkt nicht mehr herum.

Ursachen von Krisen und Fanatisierung bekämpfen

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum, darunter zahlreiche PädagogInnen und JugendarbeiterInnen, wurde vor einer Dämonisierung des IS gewarnt – das mache ihn nur noch interessanter. Eine Zuhörerin erklärte, die geforderte Gelassenheit im Umgang mit provozierenden Jugendlichen sei kaum möglich, wenn schon das Tragen eines Kopftuchs Alarmsirenen losgehen lasse. Einige Beiträge drehten sich dann um die Frage, ob und wie eine akzeptierende Jugendarbeit wirklich angebracht sei, insbesondere vor dem Hintergrund des Scheiterns dieses Konzepts im Umgang mit jugendlichen Rechtsradikalen.

Ein anderer Diskussionsteilnehmer warnte vor zu viel Pädagogik und Verständnis: "Wer nach Syrien geht entscheidet sich dazu freiwillig. Irgendwann ist Schluss, man kann menschenverachtende Haltungen nicht akzeptieren. Diese Menschen kämpfen für eine andere Welt, sie wollen unsere Welt brutal verändern."

Ein Jugendtrainer erklärte, der Senat habe trotz Warnungen jahrelang zugesehen, der Staat kümmere sich zu wenig um Jugendliche. Perspektivlosigkeit und in der Folge auch Suchtverhalten würden viel zu einfach hingenommen, einen Jugendschutz gebe es so faktisch nicht. Ein anderer Teilnehmer erklärte abschließend wie wichtig es sei, die Gründe für Krisen und Perspektivlosigkeit und in der möglichen Folge eine Fanatisierung anzugehen: eine gerechte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu schaffen.

Florian Kaiser